Mut zur Langeweile

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Tanja Zuber-Bichsel

27.7.2026
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3
Minuten

«Papaaaa… mir ist sooo langweilig!»

Es ist die zweite Ferienwoche. Die Spielsachen liegen im Zimmer, draussen scheint die Sonne und trotzdem steht dein Kind vor dir. Du schlägst vor, mit den Legosteinen zu bauen. «Nein.» Basteln? «Keine Lust.» Fussball? «Auch nicht.»

Nach ein paar Minuten ertappst du dich dabei, das Tablet anzubieten – einfach, damit endlich Ruhe ist.

Kommt dir diese Situation bekannt vor?

Gerade in den Sommerferien hören viele Eltern diesen Satz häufiger als ihnen lieb ist. Dabei ist Langeweile etwas, das wir oft möglichst schnell beseitigen möchten. Doch was wäre, wenn genau darin eine grosse Chance steckt?

Langeweile ist kein Problem – sondern ein Anfang

Kinder sind heute von klein auf daran gewöhnt, dass immer etwas passiert. Schule, Hobbys, Medien, Ausflüge oder Erwachsene, die Ideen liefern.

Doch unser Gehirn braucht auch Leerlauf.

Der Neurobiologe Gerald Hüther beschreibt, dass neue Ideen, Kreativität und Eigeninitiative häufig erst dann entstehen, wenn von aussen keine Reize mehr kommen. Erst wenn Kinder nicht sofort beschäftigt werden, beginnt ihr Gehirn nach eigenen Lösungen zu suchen.

Aus einem gelangweilten «Ich weiss nicht, was ich machen soll» wird plötzlich eine Piratenhöhle aus Decken, ein Wasserexperiment auf dem Balkon oder eine Schatzsuche im Wald.

Langeweile schafft Raum für Fantasie.

Was können Eltern tun?

Anleitende Erziehung bedeutet nicht, Kinder ständig anzuleiten. Sie bedeutet vielmehr, Kinder so zu begleiten, dass sie Schritt für Schritt selbstständig werden.

Wenn dein Kind sagt: «Mir ist langweilig», musst du deshalb nicht sofort Entertainer oder Animateurin sein.

Stattdessen kannst du:

  • Das Gefühl anerkennen. «Ja, manchmal fühlt sich Langeweile wirklich unangenehm an.»
  • Die Verantwortung zurückgeben. «Ich bin gespannt, welche Idee du findest.»
  • Nicht sofort Lösungen liefern. Auch wenn die Pause für dich unangenehm wird – genau darin steckt oft der Entwicklungsraum.
  • Vertrauen zeigen. Kinder sind erstaunlich kreativ, wenn wir ihnen Zeit geben.

Manchmal hilft auch eine offene Frage:

«Was hast du das letzte Mal gemacht, das die Spass gemacht hat?»

oder

«Welche drei Möglichkeiten fallen dir selbst ein?»

So erlebt dein Kind: Ich kann selbst Lösungen finden.

Langeweile stärkt wichtige Fähigkeiten

Wenn Kinder lernen, mit Langeweile umzugehen, entwickeln sie Fähigkeiten, die weit über den Moment hinausreichen:

  • Kreativität
  • Problemlösefähigkeit
  • Selbstständigkeit
  • Frustrationstoleranz
  • Ausdauer
  • Eigeninitiative

Das sind Kompetenzen, die sie ein Leben lang begleiten.

Natürlich bedeutet das nicht, dass Eltern nie gemeinsam mit ihren Kindern spielen oder Ausflüge machen sollen. Gemeinsame Erlebnisse sind wertvoll. Entscheidend ist jedoch, dass Kinder nicht erwarten, ständig unterhalten zu werden.

Und was ist mit uns Erwachsenen?

Vielleicht fällt uns die Langeweile unserer Kinder manchmal deshalb so schwer zuzulassen, weil wir selbst Stille kaum noch aushalten.

Auch wir greifen schnell zum Handy, füllen jede freie Minute oder haben das Gefühl, ständig etwas leisten zu müssen.

Die Sommerferien können deshalb nicht nur für Kinder eine Einladung sein, langsamer zu werden. Vielleicht dürfen auch wir wieder erleben, wie gut es tut, nicht jede Minute zu verplanen.

Ein Nachmittag ohne Programm.
Ein Gespräch auf der Gartenbank.
Ein Eis in der Sonne.
Oder einfach einmal gemeinsam Wolken beobachten oder dem Regen zusehen und -hören.

Manchmal entstehen gerade in diesen scheinbar «langweiligen» Momenten die schönsten Erinnerungen.

In diesem Sinne wünsche ich euch von Herzen eine weiterhin entspannte Sommerzeit – mit Zeit füreinander, Raum für neue Ideen und dem Mut, Langeweile auch einmal auszuhalten. Denn vielleicht beginnt genau dort das grösste Abenteuer.

Herzlichst, Tanja

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