Die Wut in mir

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Tanja Zuber-Bichsel

3.4.2026
.
4
Minuten

Wut – meine und deine

Wut verstehen, elterliche Wut reflektieren, kindliche Wut begleiten

Wut.
Kaum ein Gefühl ist so kraftvoll, so missverstanden – und so präsent im Familienalltag.

Ich durfte kürzlich einen Elternabend zum Thema Wut gestalten. Die Offenheit, die ehrlichen Fragen und das spürbare „Ja, genau so fühlt es sich an!“ haben einmal mehr gezeigt: Wir alle kennen diese Emotion. Und wir alle ringen manchmal - und immer wieder - mit ihr.

Dieser Beitrag ist eine Einladung, Wut neu zu betrachten – nicht als Gegnerin, sondern als Wegweiserin.

Wut verstehen – was passiert eigentlich in uns?

Wut ist keine „schlechte“ Emotion.
Sie ist kraftvoll, ehrlich und zutiefst menschlich.

Neurobiologisch betrachtet übernimmt in Momenten starker Wut oft unser Alarmsystem – die Amygdala. Sie reagiert blitzschnell auf (vermeintliche) Bedrohung. Vermeintlich heisst, dass sie nicht unterscheidet zwischen "hier ist ein Säbelzahntiger, der uns angreifen will" oder "das Kind ist wütend". Unser Körper geht in Alarmbereitschaft: Herzschlag steigt, Muskeln spannen sich an, der Atem wird schneller, Stresshormone werden ausgeschüttet. Rationales Denken wird in diesem Moment schwieriger.

Wut kann uns Verschiedenes aufzeigen:

  • Eine Grenze wurde überschritten.
  • Ein Bedürfnis ist unerfüllt.
  • Eine Überforderung ist erreicht.

Sie ist also zunächst ein Schutzmechanismus. Problematisch wird sie nicht durch ihr Auftreten – sondern durch unreflektiertes Handeln in ihrem Sog.

Wenn wir verstehen, was in uns geschieht, verlieren wir die Angst vor dieser Intensität. Dann wird aus „Ich raste aus“ ein „Ich merke, da ist gerade sehr viel“ - und werde in dem Moment ein stückweit handlungsfähiger.

Elterliche Wut – wenn alte Knöpfe gedrückt werden

Eltern (und pädagogische Fachpersonen) werden wütend. Punkt.

Die entscheidende Frage ist nicht, ob Wut da sein darf – sondern wie wir mit ihr umgehen.

Oft reagieren wir nicht nur auf das Verhalten des Kindes.
Wir reagieren auf unsere Geschichte.

Vielleicht tragen wir Glaubenssätze in uns wie:

  • „Ein gutes Kind widerspricht nicht.“
  • „Gefühle muss man im Griff haben.“
  • „Ich darf keine Schwäche zeigen.“
  • „Ich muss alles im Griff haben.“
  • „Ich muss perfekt sein.“

Wenn ein Kind laut wird, sich durchsetzen möchte oder Grenzen testet, berührt das oftmals alte Erfahrungen: unsere Prägungen:
Wie wurde mit meiner Wut umgegangen?
Durfte ich laut sein?
Wurde ich beschämt? Ignoriert? Bestraft? Weggeschickt? Alleine gelassen?

Was sagten andere über Wutausbrüche? Wie sind diese gesellschaftlich verankert?

In solchen Momenten reagieren wir häufig automatisch – aus unserer Prägung heraus. Und all das äussert sich in: schreien, drohen, Rückzug, Ironie, Kontrolle.

Sich diese Muster bewusst zu machen, ist ein mutiger Schritt. Denn erst wenn wir erkennen, welcher alte Knopf gedrückt wurde, können wir entscheiden, ob wir weiterhin automatisch handeln – oder bewusst anders. Sich den alten Mustern zu stellen, heisst auch, sich ein stückweit der eigenen Familiengeschichte stellen. Nicht wertend, bewertend oder abwertend - sondern einfach annehmen können.

Reflexion ist hier kein Luxus, sondern eine Schlüsselkompetenz. Und manchmal braucht es Begleitung durch Coaching oder Beratung, um diese inneren Dynamiken wirklich zu verstehen. 👉🏻 hier gehts zum Wut Coaching

pixabay by ELG21

Kindliche Wut begleiten – Co-Regulation statt Kontrolle

Kinder lernen Emotionsregulation nicht durch Appelle wie
„Jetzt beruhig dich endlich!“ „Das ist doch nicht schlimm!“ „Hör jetzt auf, das reicht!“

Sie lernen durch Co-Regulation.

Das bedeutet:
Ein ruhiges Nervensystem hilft einem aufgebrachten Nervensystem, sich zu regulieren.

Wenn ein Kind wütend ist, befindet es sich nicht im „Ich-überlege-mir-das-mal-vernünftig“-Modus. Es braucht einen Erwachsenen, der:

  • präsent bleibt,
  • klare und ruhige Grenzen setzt,
  • die Emotion benennt („Du bist gerade richtig wütend“),
  • das Verhalten begrenzt („Ich lasse nicht zu, dass du haust“).

Begleiten heisst nicht, alles zu erlauben.
Begleiten heisst, die Emotion zu halten, ohne sie zu verstärken oder abzuwerten.

Das ist anspruchsvoll. Besonders dann, wenn die eigene Wut gleichzeitig mitschwingt.

Was kann also nun ganz konkret im Familienalltag umgesetzt werden - und nicht vergessen: Selbstregulation geht vor Co-Regulation

  • Kurz innehalten (Mini-Pause):
    Bevor du reagierst, nimm einen bewussten Atemzug. Das hilft dir, nicht direkt aus der Emotion heraus zu handeln.
  • Weniger reden – mehr da sein:
    In der Wut erreichen Kinder oft keine langen Erklärungen. Ein ruhiger Satz reicht:
    „Ich bin da.“
  • Emotion spiegeln statt bewerten:
    „Das war gerade richtig frustrierend für dich.“
    → Das Gefühl wird gesehen, ohne das Verhalten gutzuheissen.
  • Klare, ruhige Grenze setzen:
    „Ich lasse nicht zu, dass du mich haust.“
    → ruhig, bestimmt, ohne Drohung.
  • Körperliche Nähe anbieten (wenn möglich):
    Manche Kinder regulieren sich besser durch Nähe. Andere brauchen Abstand – beides ist okay.
    → Frage oder beobachte: „Möchtest du eine Umarmung oder lieber kurz allein sein?“
  • Nach der Wut ist vor dem Lernen:
    Erst wenn das Kind sich beruhigt hat, kann ein Gespräch stattfinden:
    „Was hätte dir geholfen?“ oder „Was können wir nächstes Mal tun?“
  • Eigene Regulation vorleben:
    Kinder lernen am meisten durch das elterliche Vorbild. Wenn du sagst:
    „Ich merke, ich bin gerade auch wütend – ich atme kurz durch“,
    zeigst du aktiv, wie Regulation funktioniert.
  • Wut als Einladung zur Entwicklung

    Wut will nicht bekämpft werden.
    Sie will verstanden und reguliert werden.

    Wenn wir beginnen, unsere eigenen Prägungen und Glaubenssätze zu hinterfragen, entsteht Handlungsspielraum. Aus Reaktion wird Beziehung. Aus Eskalation wird Entwicklung.

    Eltern und Fachpersonen sind dieser starken Emotion nicht ausgeliefert. Doch es braucht Bereitschaft zur Selbstreflexion – und manchmal Unterstützung von aussen.

    Denn wer die eigenen Muster kennt, kann neue Wege gehen.
    Und genau darin liegt die Chance:

    Wut wird vom Störfaktor zur Lehrmeisterin.
    Für uns.
    Und für die Kinder, die wir begleiten.

    Herzlichst, Eure Tanja

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